Am Lebensende sind ethische Entscheidungen gefordert

„Das ist doch kein Leben mehr …Ethische Entscheidungen am Lebensende“: Zu diesem Thema sprach Dr. Annette Riedel, Professorin für Pflegewissenschaften an der Hochschule Esslingen und ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin, auf Einladung des Fördervereins Palliativversorgung für die Kreiskliniken Esslingen e.V. und der Leitstelle für Ältere im Stadthaus im Scharnhauser Park in Ostfildern. Bei einer sich anschließenden Diskussion wurden verschiedene Blickwinkel auf das Thema, aber auch bestehende Unterstützungsangebote aufgegriffen.

© U. Rapp-Hirrlinger

Aufmerksame Zuhörer beim Vortrag "Ethische Entscheidungen" von Prof. Dr. Annette Riedel (r.)

© U. Rapp-Hirrlinger

Podium mit Dr. Detlef Kollmeier (r.) und Birgit Schult, Claudia Schmolke-Bohm, Dr. Günther Crasser, Gisela Ballenberger, Christa Schlecht, Dr. Ulrich Abele (v.l.)

Wenn sich das Lebensende eines Menschen abzeichnet und dieser nicht mehr selbst entscheiden kann, stellen sich viele Fragen: Welche Maßnahmen sind sinnvoll, was dient der Lebensqualität und vor allem, was ist der Wille des Betroffenen? Angehörige müssen dann schwerwiegende und oft belastende Entscheidungen treffen. Immer gilt es laut Riedel dann zu bedenken: Was wäre im Sinne des Betroffenen?


Riedel beschrieb in ihrem Vortrag, welche Wertekonflikte sich am Lebensende stellen können und welch komplexe Entscheidungen zuweilen getroffen werden müssen. Spannungsfelder entstünden etwa zwischen dem Willen und der Autonomie der betroffenen Person und dem Wohl und der Fürsorge, die Angehörige im Auge haben. Auch Schuldgefühle spielen eine Rolle. Menschen hätten durchaus unterschiedliche Vorstellungen von „gutem“ Sterben und Lebensqualität. So könne ein Konflikt entstehen zwischen dem Wunsch, Leiden zu lindern, und der Entscheidung, einen Menschen sterben zu lassen. Deshalb sei es wichtig, sich zu fragen: „Wer leidet – ich oder der Betroffene?“ Oder „Gehe ich von meiner Vorstellung von Lebensqualität aus oder von der Betroffenen?“ So könne etwa die Entscheidung für künstliche Ernährung eine große Belastung für den Patienten darstellen. Andererseits kann ein Angehöriger das Gefühl haben: Ich kann ihn doch nicht verhungern lassen. Diese Abwägung  sei überaus wichtig, betonte Riedel. Die Wissenschaftlerin erklärte: „Der Respekt vor der Autonomie der betroffenen Person hat immer oberste Priorität.“

 

Den "mutmaßlichen Willen" ergründen


Um zu wissen, was der Wille eines Menschen ist, der sich nicht mehr äußern kann, müsse man seine Wertevorstellungen, Lebensziele und Wünsche in Betracht ziehen. Um diesen „mutmaßlichen Willen“ als Grundlage einer ethischen Entscheidung in Erfahrung zu bringen, gelte es etwa zu fragen: Was hat er erlebt? Was ist ihm wichtig, welche Ziele hatte er im Leben und was trägt zu seiner Lebensqualität bei? Wie ging er mit Belastungen um? Welche Haltung hat er zur Medizin und welche weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen?  Wenn ein Mensch sage „so will ich nicht weiterleben“, könne sich das auch wieder ändern. Riedel appellierte: „Gehen sie ins Gespräch, hören sie gut zu.“

 

Ein Netzwerk der Unterstützung


Die Veranstaltung zeigte nicht nur Wege auf, gute und ethisch begründete Entscheidungen zu treffen, sondern auch, wo Menschen Hilfe und Entlastung finden. „Im Landkreis Esslingen leben wir ein bisschen wie auf der Insel der Glückseligen“, verwies Dr. Detlef Kollmeier, Arzt und langjähriger Vorsitzender des Fördervereins, auf das gute Netz an ambulanter und stationärer Hospiz- und Palliativversorgung. Die Zusammenarbeit in diesem Netzwerk, zu dem auch niedergelassene Ärzte und Pflegedienste gehören, mache eine gute Begleitung am Lebensende möglich, stimmten ihm der Onkologe und Palliativmediziner Dr. Ullrich Abele und Dr. Günter Crasser, der für die Hausärzte auf dem Podium saß, zu. Auch für die Pflegedienste sei dieses Netzwerk wichtig, sagte Birgit Schult.

 

Frühzeitig die letzte Lebensphase bedenken

 

Christa Schlecht vom Hospizdienst Ostfildern betonte, das Ziel der ambulanten Hospizarbeit sei, „Patienten und ihre Angehörigen so zu stärken, dass ein Sterben zuhause möglich ist“. Palliativmedizinische Unterstützung zuhause, aber auch in Pflegeeinrichtungen und im stationären Hospiz gibt es von der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). 550 Patienten mit belastenden Symptomen haben speziell ausgebildete Pflegekräfte und Ärzte im vergangenen Jahr betreut, berichtete Claudia Schmoke-Bohm vom SAPV-Team. Gisela Ballenberger warb dafür, „sich in guten Zeiten mit der letzten Lebensphase auseinanderzusetzen“ und früh eine Vorsorgevollmacht und eine möglichst konkrete Patientenverfügung auszustellen. Das erleichterte Ärzten und Angehörigen, dem Willen des Sterbenden gerecht zu werden.